Heinrich Goertz

Mein Lehrer Max Peiffer Watenphul

 

Die Prüfung wurde einem leicht gemacht. Man mußte irgend etwas zeichnen. Die Lehrer waren angewiesen, möglichst jeden aufzunehmen. Die berühmte Essener Folkwang-Schule brauchte Schüler.

Der alte Backsteinbau in der Rüttenscheider Straße glich einem Bezirksrathaus, der Schulbetrieb selbst aber war, 1929, hypermodern, Direktor seit 1911: Architekt Alfred Fischer – Industriebauten! Hauptfach der Kunstgewerbeschule des Kohlenpotts: Gebrauchsgraphik! Aber auch Architektur, Bühnenbild, Holzschnitt, Bildhauerei, Goldschmiedekunst, jede Art Ausdruckstechnik wurde gelehrt, und die Schüler waren angehalten, sich aller möglichen Mittel zu bedienen.

Aber wozu? Das wurde nicht gesagt. Eine Beziehung zu Zeit wurde nicht hergestellt. Für die angewandt Arbeitenden bestand diese Frage nicht, sie gingen in die Industrie. Aber die zu den freien Künsten hinstrebten, blieben ohne Antwort, wenn sie nicht mal über das Handwerkliche und Formale hinaus mit einem der Lehrer ins Gespräch kamen, was aber selten gelang, die Dozenten hielten sich ihre Schüler vom Hals, ließen nur Ausnahmen gelten.

Pflichtfächer im ersten Semester waren Freihandzeichnen und allgemein künstlerischer Entwurf, beide unbeliebt, die Schüler verachteten die Grundlagen, wollten gleich mit Meisterwerken aufwarten.

Allgemein künstlerischen Entwurf unterrichtete Max Peiffer Watenphul, Maler seines Zeichens, und Ästhet dazu. Bauhausschüler und wie alle singulären Erscheinungen verehrt, umstritten und verhaßt.

Vorschriftsmäßig hatte ich zweimal wöchentlich allgemein künstlerischen Entwurf belegt, aber der Meister weilte noch in Marokko und ließ sich vertreten. Inzwischen wurden die widersprüchlichsten Äußerungen über ihn laut, vom Spottvers bis zur Lobeshymne, und ich machte mich auf einen höchst merkwürdigen Vogel gefaßt.

Ein trat eines Morgens ein verhältnismäßig junger Mann, sportlich schlank, etwas über mittelgroß. Sich betont aufrecht haltend und mit gerecktem Hals, der aus einem Seidenschal herauswuchs, und mit aufgerissenen Augen uns von oben herab musternd, mit einem Gesichtsausdruck, als gehöre er eigentlich gar nicht in diese Klasse, diese Schule, diese Stadt und sei nur zufällig hier, en passant, müsse auch gleich wieder weg, nach Paris, Mexiko, Rom oder Berlin, wo er überall schon gelebt und einflußreiche Freunde hatte, wirkte er außerordentlich selbstsicher, weltbürgerlich und nonchalant. Die Hände in den Jackentaschen, die Daumen heraus, bewegte er sich im Paßgang, schob die Schulter gleichzeitig mit dem Bein derselben Körperseite vor, wie ein Kamel, nein, so etwas hatte ich noch nicht gesehen! Sofort änderte ich meinen Plan – viermal wöchentlich allgemeinen künstlerischen Entwurf, alle Unterrichtstage Max Peiffer Watenphuls, montags bis donnerstags, von 8 bis 14 Uhr.

Der Unterricht selbst war unbedeutend. Kurz nach 8 Uhr betrat der Lehrer den Saal und gab seinen rund 40 Schülern Aufgaben und Richtlinien, dann verschwand er – um nach der Frühstückspause durch die Reihen schlendernd, zu sehen, ob wir auf dem richtigen Weg waren, und dann am Ende des Vormittags etwas ausführlicher Korrektur zu geben, wobei er hoffnungslose Fälle überschlug. Es handelte sich um Farbzusammenstellungen, Bildaufbau und Grundformen, aber jeder konnte sich, nach Erledigung der Pflichtübungen, selbständig machen und Zeichnungen, Fotomontagen und Aquarelle vorlegen, jede Art künstlerisches Produkt oder was man dafür hielt. Es ist ja nun so, daß die Qualitäten des Lehrers vom Schüler bestimmt werden. Der Schüler lehrt den Lehrer lehren! Ich stellte Peiffer Watenphul, gelegentlich, naive Fragen, die er, wie aus der Pistole geschossen, zumeist mit einem einzigen Satz beantwortete. Das war meine Schule. Ich fragte ihn, beispielsweise, worauf es denn ankomme, in der Kunst, auf das Gefühl oder den Verstand? Peiffer Watenphul: »Das ist es doch, was den großen Meister macht, der Ausgleich zwischen Gefühl und Verstand!« Und entschritt zum nächsten. Und ich stand da mit seiner Weisheit. Gefühl und Verstand. Und zwar einander ergänzend, versuchte ich den Gedanken weiterzuspinnen, einander durchdringend. So war das also …

Ich legte ein Aquarell vor, das er lobte. »Ist das nun schon Kunst?« fragte ich rasch. »Und wann ist etwas Kunst?« – »Alles, was ein Künstler spuckt, ist Kunst«, zitierte er, mit Quellenangabe, Kurt Schwitters. Wobei er, in Beziehung zu mir, »Künstler« zugleich zweifelnd und fordernd aussprach! – Nie Vorträge. Immer nur Aussprüche – wie Pfeile, die trafen und hafteten. Und doch beiläufig geäußert, nebenher, kein Wort zuviel. Und keins zuwenig.

Nun schon fast eine Theaterszene: Peiffer Watenphul kam in die Klasse und sah einen Schüler sich zum Fenster hinauslehnen und die Straßenpassanten betrachten. – »Was machen Sie da? Warum arbeiten Sie nicht?« fragte der Lehrer in sehr hohem Ton und blieb an der Tür stehen. – »Ich bin fertig!« antwortete der Schüler stolz. – »Fertig?«, fragte Peiffer Watenphul und schaute völlig entgeistert drein, als habe er nicht recht gehört und befinde sich in einer ihm unbegreiflichen Welt. »Ein Künstler ist nie fertig!« flüsterte er indigniert, als habe man ihn persönlich beleidigt, drehte sich kopfschüttelnd um, verließ die Klasse und wurde den ganzen Tag nicht mehr gesehen.

Ein andermal, als ich ihm eine Skizze vorlegte: »Hören Sie! Wenn Sie ein Haus zeichnen, muß es aber ein typisches Haus sein, nicht irgendwas. Sie müssen Ihren Gegenstand doch erst erfassen!« Aha. So macht man das. Erst erfassen! Den Charakter des Sujets. Sein verpflichtendes Wesen.

Inzwischen hatte ich in Zeitschriften, Galerien und Museen Bilder von Max Peiffer Watenphul aufgespürt: südliche Parklandschaften und Stilleben: Kannen, Gefäße und Vasen mit und ohne Blumen. Unmittelbar regte ihn die Natur anscheinend nicht an, die Blumen, gepflückt, mußten in Vasen stehen und die Landschaft zum Park vorgeformt sein. Aber er machte eigenständige Bildwerke daraus, farblich delikat und kühn, wahre Schmuckstücke.

1929! Die Wirtschaftskrise drohte noch nicht, und die Nazis waren vorerst lächerliche Figuren am Rande der Politik. Es war für mich die Zeit der Entdeckungen. Ein Tag war verloren, an dem ich nicht etwas für mich Neues in Kunst und Literatur entdeckt hatte. Die Aussichten waren noch nicht verstellt.

Obwohl häufiger Besucher des Folkwang-Museums war mein Urteil noch unsicher. Darum fragte ich Peiffer Watenphul, ob er mir die Bilder dort nicht mal erklären wolle. Er war sofort bereit – und lehrte mich mit wenigen Worten, Schlüsselworten, die Schönheit und den Sinngehalt der Werke von Nolde, Chagall, Matisse, Marc und des frühen Kokoschkas schätzen, vor den Bildern von Gauguin und Cézanne sagte er auf beredte Weise nichts. Er lehrte mich Hodlers Künstlichkeit durchschauen und Pechsteins und anderer deutscher Expressionisten künstlerischen Zusammenbruch nach dem Weltkrieg. Plötzlich standen wir vor einem Peiffer Watenphul: Blumen in Vase auf Tischdecke! »Dieses Bild finde ich sehr schön«, sagte ich. – »Ich natürlich auch«, sagte er. – »Wußten Sie eigentlich immer schon«, fragte ich einfältig, »daß Sie ein großer Künstler werden würden?« – »Ach, wissen Sie«, sagte der Maler und schaute etwas verlegen zur Seite, »mir war von vornherein klar, daß das, was ich mache, im Grunde doch nur eine kleine kunstgewerbliche Sache ist.« Ich protestierte. »Die allerdings«, ergänzte er, »suche ich, innerhalb meiner Grenzen, konsequent durchzuführen!« Ich war noch nicht zufrieden. Wie konnte einer von sich selber behaupten, kein ganz Großer zu sein. Ich lernte Selbstbescheidung.

Meine Lektion in Fleiß erhielt ich in Form einer Anekdote. Peiffer Watenphul erzählte von einem Freund, der soeben in Paris Picasso besucht hatte. Am Vormittag. Wie traf er ihn an? In Unterhosen. Vor seiner Staffelei stehend. Er hatte sich nicht die Zeit gelassen, sich fertig anzuziehen. Auf der Staffelei waren etwa 20 ausgebreitete Zeitungsblätter übereinandergenagelt und Picasso zeichnete mit Kohle immer wieder den selben Gegenstand, die Blätter nach und nach abreißend. Er versuchte, für sein Sujet eine gültige Form zu finden, zuletzt in zerknüllten Zeitungen und abgebrochenen Kohlestücken fast ertrinkend. »Wie diese Leute arbeiten!« seufzte Peiffer Watenphul, als habe er sich in dieser Hinsicht einiges vorzuwerfen.

Ich besuchte seine Anfängerklasse vier Semester, zuletzt noch zweimal wöchentlich. Gegen Ende des vierten Semesters breitete ich Peiffer Watenphul meine neuesten Arbeiten aus und fragte ihn, ob ich die Schule noch länger besuchen solle. Er überflog die Blätter und meinte: »Was Sie hier lernen konnten, haben Sie gelernt. Jetzt sehen Sie zu, daß Sie auch ein großer Mensch werden!« Und entschritt. Da hatte ich mein Fett. Ein großer Mensch werden. Nicht mehr und nicht weniger! Wie machte man das, um Himmels willen!?

Ein echtes Lehrer-Schüler-Verhältnis ist mit dem letzten Schultag nicht zu Ende. Ich besuchte Peiffer Watenphul einige Male in Hattingen an der Ruhr. Zu unserer aller Verwunderung war er Doktor der Jurisprudenz, hatte sogar den Referendar gemacht – machen müssen, ehe sein Vater, Studiendirektor, ihm erlaubte, sich ganz der Malerei zu widmen. In der Villa seiner Eltern bewohnte er zwei Zimmer, und dort, umgeben von Bildern von Klee, Schwitters, Dix, Derain und Marie Laurencin, Tauschobjekten, stickte er an seinen Stilleben und Parklandschaften, und im Garten, vor seinen Fenstern, wucherten unübersehbare Blumenfelder, von ihm selber gepflanzt und gepflegt.

Ich schrieb damals schon ein bißchen und wollte nach Berlin. Peiffer Watenphul glaubte mich vor dieser »kältesten Stadt der Welt« warnen zu müssen. Freundschaft, Kollegialität sei dort unerschwinglicher Luxus. Jeder, der jemanden kennenlerne, frage sich nur: Wie kann mir der nützen? Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich erschrak. Ich wollte Brecht kennenlernen, Caspar Neher, Herbert Ihring – mich diesem Kreis anschließen. Peiffer Watenphul erzählte von Paris – von Marie Laurencin, dem ersten Menschen, der ihm ein Bild abgekauft hatte, und von Salvador Dalís sensationellem Interieur, wo er auf einem lippenförmigen Sofa habe Platz nehmen müssen! Aber nicht nach Paris zog es ihn, er war in Italien verliebt, ins sonnige, museale, Peiffer Watenphul zog es nach Rom – und er hat seinen Traum auch wahr gemacht, zwischen Rom und Salzburg pendelt er nun schon seit Jahrzehnten hin und her. Ich aber blieb dabei, Roms Forum und Dalís Lippenkanapee schienen mir nicht so wichtig wie das Berlin Bert Brechts.

In Berlin traf ich den Maler wieder. Er kam aus Rom. Uns allen war elend. Wirtschaftskrise, kein Geld, und die Nazis an der Macht. Die Nationalgalerie Unter den Linden hatte ein Bild von ihm angekauft. Mehr als in der Nationalgalerie zu hängen, könne ein Maler nicht erreichen, behauptete er, aber wie lange würde das Gemälde dort hängen, fragte ich. Peiffer Watenphul hatte in Rom fotografiert und zog nun in Berlin von Redaktion zu Redaktion, seine Fotos anbietend, was gewiß ermüdend und da und dort vielleicht sogar demütigend war, jedoch hörte ich aus seinem Mund keine Klage.

Die Hauptlehre, die Peiffer Watenphul verbreitete, war er selber, als Person. Nie mißgestimmt, nie sich selbst bedauernd, immer zuvorkommend, hilfsbereit, liebenswürdig, geistig wach und überlegen war und blieb er Max Peiffer Watenphul, in sich geschlossen, sich selber treu, auch an schlechten Tagen. Mit Philosophie, Weltschmerz und seelischem Gezeter durfte man diesem Ästheten nicht kommen. Nietzsches Schnurrbart war ihm ein Greuel und der ganze in die Suppe spuckende Pessimismus zwar wohlbekannt, aber unerträglich. Sinnliche Unmittelbarkeit, nicht Reflexion! Bei der Lektüre von Thomas Manns »Zauberberg« überschlug er die weltanschaulich-politischen Streitgespräche Naphtas mit Settembrini und genoß um so mehr die ironisch erzählenden Teile, die aber mehrmals hintereinander. Dabei kannte er sich in der Politik gut aus, war über das Neueste stets informiert, durchschaute die Zusammenhänge, erkannte die Hintergründe – um dann den ganzen Spuk aus sich herauszukehren. Eine Beschäftigung mit gesellschaftlichen Widersprüchen hätte zu einer andern Malerei herausgefordert und verpflichtet, darauf durfte er sich nicht einlassen.

Das letzte Mal in Berlin traf ich ihn mit einem Maler, der uns Fotografien seiner Blumenbilder zeigte, unbedeutenden, ich habe seinen Namen nie wieder gehört. War es 1935 oder 1936? Mitteleuropa war schon voll von Unterdrückung und Kriegsgeschrei. Die Herren unterhielten sich stundenlang über Blumen! Mir ging dieses Gespräch auf die Nerven. Ich war dem Zusammenbruch nahe – die Faschisten zogen den Strick immer enger um den Hals –, und nun nichts als Knollengewächse und Rosen! Heute denke ich weniger streng über die Plauderei am Vorabend des Untergangs. Sie gehörte wohl zur unabdingbaren konsequenten Haltung des Ästheten.

Erstmals erschienen in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 3. Januar 1971 Heinrich Goertz. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Angela Goertz.