Max Peiffer Watenphul
Ein neues Venedig
[31. Januar 1952]

Ich habe mich so oft gefragt, warum Venedig, diese sonderbarste und eine der großartigsten Schöpfungen des Menschengeistes, die heutigen Maler nicht mehr interessiert und nicht von ihnen gestaltet wird. Die letzten großartigen Interpretationen von Venedig haben wohl die Impressionisten Monet und Renoir gegeben. Danach hat sich eigentlich niemand mehr an das Problem Venedig gewagt. Von lebenden Malern ist es eigentlich nur der Italiener De Pisis, der eine sehr eigenwillige, verschnörkelte Darstellung von Venedig gegeben hat. Als ich dann selbst an das Problem, Venedig zu malen, heranging, ist mir klargeworden, warum keiner der heute lebenden Maler mehr wagt, Venedig zu malen. Es ist so ungeheuer schwer, Venedig neue malerische Seiten abzugewinnen. Es ist alles so unglaublich oft photographiert und auf Postkarten abgebildet worden, daß es einem wirklich davor graut, immer wieder die übliche Vedute von San Giorgio, der Piazza oder dem Rialto zu sehen. Ich habe mich ein ganzes Jahr lang bemüht und immer wieder alles, was ich am Tage gemalt habe, abends zerstört, nur weil es mir einfach nicht gelingen wollte, alle diese so unglaublich oft abgebildeten Dinge neu zu sehen und eine persönlich gefärbte Darstellung von ihnen zu geben.

Venedig ist eine Stadt, die zwei völlig entgegengesetzte, verschiedene Gesichter hat. Jean Cocteau sagte mir in meiner Ausstellung: »In Venedig wird immer Theater gespielt. In dieser Stadt ist die Straße die Bühne und die Fenster sind die Logen, die mit Zuschauern besetzt sind! Als ich einmal im Ristorante Fenice aß und mir brennende Crèpes Suzette serviert wurden, fingen alle Zuschauer in den Fenstern an zu klatschen und Bravo zu rufen, wie bei einer großen Szene im Theater.«

Und nicht nur die Venezianer spielen andauernd Goldoni in den engen Gassen und auf den kleinen campielli. Vor der prunkvollen, fremdartigen byzantinischen Fassade von San Marco, auf der Piazza, dem schönsten Salon Europas, entwickelt sich im Sommer das glanzvollste und luxuriöseste Gesellschaftstheater einer großen internationalen Welt. Auch dieses Theater kann nur noch in Venedig gespielt werden. Im September ist dann dieses heitere bewegte Leben mit einem Schlag wie ein Spuk zu Ende. Der große Adel schließt seine Palazzi am Canal Grande und zieht auf seine Schlösser an der Brenta oder nach Cortina. Die Piazza liegt verödet und einsam da, nur mittags etwas belebt, wenn die Venezianer auf den »liston«, die mittägliche Promenade auf der Sonnenseite, gehen.

Die Herbstregen setzen ein, und eine eisige Bora peitscht die Regenfluten gegen die marmornen Fassaden, so daß es klingt, als ob man eine Handvoll Kieselsteine in einen Topf würfe. Um Weihnachten fängt es an zu schneien. Die Stadt wird immer dunkler, nebelig und unsäglich melancholisch. Ab und zu huscht ein vermummter Mann über die überschwemmte Piazza. Und Venedig wird dann die dunkelste und schwärzeste Stadt, wie Friedrich Nietzsche sie nennt. Eine Komposition aus Schwarz-Weiß, ohne jede Farbigkeit. Und aus dem bewegten, glanzvollen, sommerlichen Venedig, dem Treffpunkt einer luxuriösen, kosmopolitischen Gesellschaft, ist eine traurige italienische Kleinstadt geworden, in der sich jeder kennt und in deren engen Gassen und kleinen campielli es nur einen sehr begrenzten Klatsch gibt. Größere Kontraste als zwischen dem sommerlichen und dem winterlichen Venedig lassen sich wohl kaum vorstellen. Ich habe versucht, in meinen Bildern etwas von dieser Atmosphäre und dem Hintergründigen von Venedig einzufangen. Einem Venedig unter dem drückenden Sciroccohimmel, dem weißen Dunst über der Lagune mit den wenigen Farben der rostroten und zitronenfarbigen Segel. Für mich das eigentliche, wirkliche Venedig. Die strenge Gliederung einer schwarz-weißen Palastfassade, den orientalischen fremdartigen Prunk von San Marco und den dahingleitenden sargartigen Gondeln.

Ich glaube, daß ich zu den vielen Interpretationen von Venedig – seit Canaletto und Turner – ein neuartiges, bisher noch nicht gestaltetes Venedig hinzugefügt habe. Wenigstens sagen es mir die Venezianer, und die müssen es am besten wissen.

In: Max Peiffer Watenphul. Werkverzeichnis. Bd. I. Hg. von Grace Watenphul Pasqualucci und Alessandra Pasqualucci, Köln 1989.