Max Peiffer Watenphul
Gedanken über Venedig
[Januar 1952]

Venezia, ein Zauberwort, bei welchem wie eine Fata Morgana vor uns diese Märchenstadt der Lagune entsteigt: ein perlmutterfarbenes Gebilde aus Marmor und aprikosenfarbenen Steinen, prunkvoll, stolz, königlich und einmalig.

Selten hat wohl eine Stadt so die Gemüter der Menschen bewegt und so die Phantasie angeregt, wie Venedig. Maler haben sie gemalt, Dichter besungen und Musiker haben versucht, ihr Geheimnis in Melodien auszudrücken und diese sonderbarste und märchenhafteste Schöpfung des menschlichen Geistes zu deuten.

Es gibt wohl kaum eine künstlichere Schöpfung als dieses Stadtgebilde: auf kleinen Schlamminseln der Lagune ist eine völlig eigene Kultur entstanden, völlig selbständig und ohne jede Beziehung zu anderen Kulturen, mit eigener Sprache, eigener Architektur, eigener Malerei und eigener Musik.

Bezeichnend für diese Kultur ist, daß sie aus völlig wertlosem Rohstoff Kunstgebilde von höchstem Raffinement schaffen konnte. Aus einer Rolle wertlosen Zwirns wurden die kostbarsten Spitzen. Aus einer Handvoll Sand zerbrechliche, schillernde Gläser, zart wie Blumenkelche.

Venedig ist die Stadt des Lichtes. Durch Licht nimmt es Gestalt. Ohne Sonne fällt es zusammen und wird entzaubert. Das Licht gibt seinen Fassaden Leben und läßt die Kuppeln von San Marco erglänzen. Am schönsten ist es im Herbst und im Frühling vor der Dämmerung.

Alles ist von perlmutterhaftem Glanz und zart irisierend. Die Menschen fluten plötzlich über die geschwungenen Brücken und über die Piazza, alles ist belebt und beschwingt. Blaue und goldene Nebel verschleiern sanft die Stadt, und oberhalb der Nebel vergoldet die scheidende Sonne den Campanile und die Kuppeln von San Marco.

In: Max Peiffer Watenphul. Werkverzeichnis. Bd. I. Hg. von Grace Watenphul Pasqualucci und Alessandra Pasqualucci, Köln 1989.