Max Peiffer Watenphul
Aus dem handschriftlichen Bericht
»Reise in Österreich«, 1920

Salzburg ist eine wunderschöne Stadt. Aber um Schönheit zu erleben, muss man in unserer Zeit Prüfungen bestehen.

Aber dann ist man in der sonnigen Stadt. Und alles ist unwirklich wie in einem Gedicht. Man kann in einen Park gehen, der Mirabell heisst und auf dessen blumigen Beeten alte graue Barockfiguren in bewegten Stellungen die Arme zum Himmel strecken, sich bekämpfen oder erschreckte Blicke werfen. Hier hat es Bischöfe gegeben, die mit Prunk die Stadt erfüllten, die Läufer hielten, deren Westen goldene Borten säumten und von deren Köpfen Straussenfedern schaukelten. Bischöfe gab es, deren Namen Gedichte waren: Paris Laudronius, Marcus Sitticus. Es waren galante Männer, die für ihre Geliebte verschwiegen gelbe und rosa Häuschen im Park von Hellbrunn bauen liessen und das Schloss Hellbrunn selbst mit seinen Wasserkünsten, die hohe Gäste belustigten und erschreckten: Grotten, wo Wasserstrahlen den Eintretenden bespritzten und Fische, die Wasser ausströmten, wenn man sich darzusetzte. Nur in Salzburg konnten Gedichte entstehen wie die Georg Trakls. Nur in dieser Stadt, wo alte Barockkirchen langsam zerfallen, grosse Plätze ruhig unter der Sonne liegen, Brunnen rauschen und Mönche durch die Tore gehen, deren Kleidern Weihrauch entströmt.

Wo in der Welt gäbe es ein Dorf wie Anif, dessen Poesie nur von seinem Namen übertroffen wird? Wo einen Nonnberg, einen Kapuzinerberg, einen Mönchsberg?

Wien und Salzburg: das ist Oesterreich, voll Musik, voll geniessender, südlicher Lebensfreude, mit alten zerfallenden Barockkirchen, prunkvollen Altären, sonnigen Plätzen. Ich liebe Österreich.